Stadtumbau – historischer Spaziergang am 5.5.2020

Wie kam es zum Bau des Geschichtsparks?

Wir stehen hier vor dem Gedenkstein im Eingangsbereich des Geschichtsparks Zellengefängnis an der Lehrter Straße. Dieser Stein stand viele Jahre auf der anderen Straßenseite. Im Jahr 1989, als er aufgestellt wurde, haben Wolfgang Schäche und Norbert Szymanski ein historisches Gutachten erarbeitet. Seitdem war die Bedeutung des Areals bekannt. Trotzdem dauerte es noch 17 Jahre bis der Geschichtspark eröffnet werden konnte.

im Zusammenhang mit vorbereitenden Untersuchungen zum Sanierungsgebiet war 1990 die Gesellschaft für behutsame Stadterneuerung S.T.E.R.N. in der Lehrter Straße eingesetzt worden. Auch in 3 anderen Moabiter Kiezen gab es diese Untersuchungen. Gleichzeitig förderte das Bezirksamt Tiergarten die Bürgerbeteiligung, aus der der Betroffenenrat Lehrter Straße hervorging.
Erste Ideen für den Geschichtspark entstanden mit der Aufstellung eines Bebauungsplans. 1990 hatte die Senatsverwaltung ein landschaftsplanerisches Gutachten in Auftrag gegeben.
Das historische Gutachten erschien 1992 im Auftrag des Bezirksamts Tiergarten, herausgegeben von S.T.E.R.N. als Buch. Eine Ausstellung wurde erarbeitet. Sie wurde in einem Pavillon hier auf der kleinen Grünfläche an der Seydlitzstraße gezeigt. Die Medienwerkstatt des Stadtplanungsamts Tiergarten hatte auch einen 10minütigen Dokumentarfilm über das Zellengefängnis erarbeitet, der im Rahmen der Ausstellung gezeigt wurde und immer noch auf Youtube zu sehen ist. Im gleichen Jahr, 1992, wurde die Gefängnismauer, die drei erhaltenen Beamtenwohnhäuser und der Beamtenfriedhof unter Denkmalschutz gestellt.

Trotz der Bemühungen vieler Beteiligter einschließlich der Anwohner*innen drohte erneut Gefahr. Der Tiergartentunnel sollte über das Gelände führen. Zum Glück konnten die Planungen geändert werden. Die Ausfahrt führt nur nah am Gebiet vorbei. Ein Teil der Gefängnismauer musste zeitweilig abgetragen werden, wurde aber wieder aufgebaut. Die ganze Mauer musste gesichert werden, was einen großen Teil der 3,1 Mio. Euro für die Parkgestaltung ausmacht.

Udo Dagenbach und Silvia Glaßer vom Landschaftsplanungsbüro glaßer & dagenbach blieben 17 Jahre am Ball. Sie hatten bereits das landschaftsplanerische Gutachten von 1990 erstellt. Der Bau konnte 2003 starten und 2006 wurde der Geschichtspark tatsächlich eröffnet. Ein Jahr später (2007) erhielt er den Deutschen Landschaftsarchitektur-Preis. Am Tag des offenen Denkmals im September werden regelmäßig Führungen angeboten.

„Ihr größtes Verdienst war aber vielleicht, vom ersten Gutachten 1989 bis zur Eröffnung des Parks 17 Jahre später nicht müde zu werden, das Projekt den Beamten der Stadtverwaltung zu zeigen und auf die Bedeutung des Ortes hinzuweisen. Andererseits ist es auch dem Berliner Geldmangel zu verdanken, dass das Gelände der Stadt erhalten blieb; wären jederzeit die nötigen Mittel vorhanden gewesen, stünde jetzt auf dem Parkgelände eine Schule, verliefe darunter der Tiergartentunnel und daneben die Westtangente der Stadtautobahn. Nichts davon wurde realisiert, und zum Glück der Mittellosigkeit gesellte sich das Geschick der Planer.“ (Anne Kochelkorn in der Bauwelt)

Jetzt gehen wir mal rein.

Vorgeschichte – Pulvermühle – Planungsprozess

Da müssen wir ein wenig ausholen: 500 Jahre existierte Berlin bereits, aber hier war nur Wald, Sumpf und Heide durchzogen von der Heerstraße nach Spandau. Nachdem im 17. Jhdt. das kurfürstliche Jagd­revier südlich der Spree, also den Große Tiergarten, durch Stadterweiterungen immer kleiner geworden war, ließ 1655 der Große Kurfürst einen Teil der Berliner Stadtheide an sich abtreten und 1656 einzäunen. Hirsche und Auerhähne wurden ausge­setzt. Der Stakensetzer, der den Zaun in Ordnung halten musste, war der erste Bewohner Moabits in der Nähe der heutigen Gotzkowskybrücke. 1705/10 ist der Zaun verfallen, der damalige Herrscher, Kurfürst Friedrich III., ab 1713 König Friedrich I., hatte kein Interesse an der Jagd. Er hatte bereits 1698 schon einen Weinberg an den Hugenotten Menardié vergeben, der später für den Humbodthafen abgetragen wurde.

Seit 1717 stand an der Stelle des heutigen Hauptbahnhofs die königliche Pulvermühle, die preußische Fabrik für Schießpulver. Pulvertürme zur möglichst sicheren Aufbewahrung dieses explosiven Materials waren weit in der Gegend verteilt, einer zum Beispiel dort, wo heute die Turmstraße auf den Fritz-Schloß-Park trifft. Die damaligen Moabiter*innen mussten meistens einen weiten Umweg um das Militärgelände machen, wenn sie nach Berlin wollten. Aber so viele gab es ja noch gar nicht. Etwa 20 Flüchtlingsfamilien, Hugenotten aus Frankreich, hatten 1718 entlang der Straße Alt-Moabit Grundstücke für den Anbau von Maulbeerbäumen zur Seidenraupenzucht erhalten. Um 1800 hatte sich Moabit zu einem ländlichen Vorort mit Gartenlokalen und Landwirtschaft entwickelt. Ab 1830 entstanden Industriebetriebe. Doch der Osten Moabits nahm eine andere Entwicklung. Nachdem die Pulvermühle 1839 nach Spandau verlegt worden war, prägten Eisenbahn, Militär und Justiz das Gebiet.

1840 war Friedrich Wilhelm IV. Herrscher von Preußen geworden, ein König mit Visionen und Sendungsbewusstsein. In seinem Auftrag erarbeiteten sowohl Schinkel als auch Lenné Pläne für den Moabiter Osten. Sie stellten sich breite Straßen, Parkanlagen, Schmuckplätze und große repräsentative Militär-, Behörden- und Wohnbauten vor mit einer Kirche als Blickpunkt am Humboldthafen. Doch machte u.a. die rasante Entwicklung der Eisenbahn, auf die wir an anderer Stelle genauer eingehen, so eine vornehme durchgrünte Stadterweiterung zunichte.
Ihre wichtigste Aufgabe war es aber gewesen, Platz für ganz bestimmte vorgegebene Nutzungen zu finden – und die wurden dann auch wirklich gebaut. Gerhild Komander hatte das wunderbar ausgedrückt:

„Alles was Berlin brauchte, aber nicht in der guten Stube haben wollte, verlagerte der König vor die Tore der Stadt. In der Lehrter Straße in Moabit entstanden Kasernen, ein Exerzierplatz, ein Zellengefängnis, ein Bahnhof und wenige Wohnhäuser.“

Geschichte des Zellengefängnis

Lageplan 1896, Quelle: Wikimedia Commons

Wir stehen hier im Geschichtspark Zellengefängnis und sind von drei Seiten von der früheren Gefängnismauer umschlossen.
Das Zellengefängnis Lehrter Straße oder auch Moabiter Zellengefängnis ist die erste der genannten Infrastruktureinrichtungen, die hier gebaut wurden. Der Plan, damals hieß es die königliche Order, lag 1842 vor, gebaut wurde vermutlich von 1844 bis 1849. Carl Ferdinand Busse, ein Mitarbeiter Schinkels, war der Architekt und Baubeamte.

Warum heißt es überhaupt Zellengefängnis? Sind in Gefängnissen nicht immer Zellen? Gemeinschaftszellen waren das übliche, aber hier geht es um Einzelzellen und die strenge Isolation der Gefangenen. Damals war man zu der Überzeugung gekommen, dass Kriminalität ansteckend sei. Die Gefängnisreform Friedrich Wilhelms IV. orientierte sich an amerikanischen und englischen Vorbildern. Bereits 1829 war in Philadelphia das „Eastern State Penitentiary“ entstanden. Das sogenannte pennsylvanische System, statt Folter und Todesstrafe, die Einzelhaft nur mit Bibel und Kontakt zu Geistlichen war von Quäkern und Freidenkern beeinflusst und wurde als humaner dargestellt. Doch bereits 1842 protestierte Charles Dickens in seinem Reisebericht „American Notes“ gegen die Isolation und bezeichnete sie als Weiße Folter. Anhänger von zwei Systemen, dem pennsylvanischen mit strenger Einzelhaft und dem auburnschen System, bei dem die Gefangenen nur nachts in die Einzelzellen kamen, aber bei der Arbeit und Freigang gar nicht miteinander kommunizieren durften (Schweige-System), stritten damals vehement, was die erfolgversprechendere Behandlung sei.

Das direkte Vorbild für das Moabiter Zellengefängnis war Pentonville bei London, 1842 errichtet. Busse hat mit dem Hamburger Armenarzt Dr. Nikolaus Heinrich Julius, dem Begründer europäischer Gefängniskunde, Inspektions-Reisen in andere Länder unternommen, die letzte nach England. Er war so begeistert von Pentonville, dass er hier eine Kopie gebaut hat, nur die Architektur der Außenmauern ist anders. Deshalb hat er es auch nicht in sein eigenes Werkverzeichnis aufgenommen! Das Moabiter Zellengefängnis ist das erste Preußische Mustergefängnis. In Bezug auf die hygienischen Verhältnisse, wie Ventilationssystem, Wasserleitungen, Wasser-Closets war das Gefängnis wirklich modern. Die 508 Einzelzellen lagen in vier Flügeln in der Mitte das Panoptikum, die zentrale Überwachung. Im Park wird es angedeutet durch den Betonwürfel. Eine Zelle, kleiner als 10 qm (4 x 2,5) ist nachgebaut und weitere mit Heckenpflanzungen symbolisiert. Auch die Lage der Zellenflügel lässt sich aus der Gestaltung ablesen.

Die Isolationshaft, am Anfang noch nicht ganz so streng, nahm erschreckende Ausmaße an, als ab 1856 Carl Eduard Schück die Gefängnisleitung übernimmt (bis 1860). Johann Hinrich Wichern, ein Schüler des Armenarztes Julius, Erneuerer der Diakonie und Gründer der Stadtmission, wird Berater der Regierung für Gefängniswesen. Seine Brüder vom „Rauhen Haus“ stellen die Wärter im Zellengefängnis. In der Kirche saßen die Gefangenen in Einzelkabinen, auf den Wegen mussten sie Scheuklappen tragen, Ketten durften den Boden nicht berühren, es galt eine strenge Schweigepflicht, der kurze Auslauf musste in dreieckigen Einzelspazierhöfen absolviert werden. Selbstmorde und Wahnsinn nahmen zu, eine Irrenabteilung wurde ab 1887 eingerichtet. 1861 wehrt sich Wichern mit einer „Denkschrift über die Einzelhaft“ gegen den Vorwurf „dass er damit Gefangene in den Selbstmord treibt“. Der Preußische Landtag verlängert ab 1863 den Vertrag für Wicherns Brüder nicht. Das hat aber weniger mit der Ächtung der Isolation zu tun, als damit, dass die mehrheitlich liberalen Abgeordneten seine religiöse Bekehrungswut ablehnen.

Um 1900 wurde die Isolation gelockert, jetzt sind zum Beispiel 15 Minuten Verwandtenbesuch im Monat erlaubt, die Einzelspazierhöfe werden 1910 abgebaut. Die Isolation hatte nicht den gewünschten Erfolg gebracht. Kurz noch zu den Einzelspazierhöfen, zwischen den vier Zellentrakten lagen drei runde Spazierhöfe, die jeweils in 20 Dreiecke, wie bei einer Torte, eingeteilt waren. Eines davon ist in Beton nachgebaut. In der Mitte stand ein Wärter, die 20 Gefangenen werden an einer Stelle im Park durch Wacholderbüsche symbolisiert.

Was alles hier geschehen ist, wer alles hier einsaß, kann ich nur kurz andeuten.
Im Vorfeld der 1848er Revolution wurden mehr als 256 (nach Schäche) oder 254 (nach Denkmaldatenbank) polnische Freiheitskämpfer im noch nicht fertigen Gefängnis festgesetzt und der Vorbereitung eines Aufstands gegen die preußische Vorherrschaft in Posen angeklagt. Das war der erste öffentliche politische Prozess in Preußen. Er fand 1847 in der umgebauten Gefängniskirche statt. Wegen Hochverrat wurden 8 zum Tod verurteilt und 97 zu Haftstrafen. Durch die Berliner Bevölkerung lief jedoch eine Welle der Sympathie für die Polen, die als Vorkämpfer für bürgerliche Freiheit und nationale Einheit gefeiert wurden. Bei den Damen der Gesellschaft äußerst beliebt war der Wortführer Ludwik Mieroslawski. Unter dem Druck der Revolution wurden die Polen am 20. März 1848 aus dem Zellengefängnis befreit und von einer Menschenmenge im Triumphzug vor das Berliner Schloss geleitet (evtl. Link zum Zitat: Rede oder Zeitungsbericht /Bilder von Prozess und Triumphzug). Auch Bettina von Arnim hatte sich für Mieroslawski und seine Mitstreiter eingesetzt und Emma Herwegh, nach der in der Nähe eine neue Straße benannt ist, hat ihn heimlich im Gefängnis besucht. Die Deutsche Zeitung berichtete:

„Um 1 Uhr Mittags öffnete sich die Pforte des Staatsgefängnisses bei Moabit. Die gefangenen Polen zogen aus. Die Stunde der Befreiung hatte für sie geschlagen. Im Triumphzug nahmen sie ihren Weg nach dem kgl. Schlosse. Eine große Menschenmenge begleitete sie und ließ jubelnd Lebehoch für sie erschallen. Man spannte die Pferde von dem Wagen, auf dem Mieroslawski sich befand, und Menschen zogen den Befreiten den ganzen Weg entlang bis zum Schlosse, von dort zurück bei der Universität vorbei. Auf dem ganzen Weg wehten weiße Tücher, von Frauenhänden geschwungen, aus den Fenstern. Mieroslawski, auf dem Wagen stehend, hielt eine schwarz-roth-goldene Fahne in der Hand und erwiderte durch Geberden und Fahnenschwingen die begeisterten Zurufe des Volkes, das in außerordentlich starker Menge die Befreiten begleittete. Als der Zug auf dem Schloßplatz war, erschien der König auf dem Balkon.“

In einem schon etwas älteren MoabitOnline-Artikel ist die Dankesrede Mieroslawskis an das Deutsche Volk vom 20. März 1848 dokumentiert.

Die Liste der Gefangenen liest sich wie ein Who’s Who des politischen Widerstandes verschiedener Epochen der deutschen Geschichte.
Wilhelm Voigt, der späterere Hauptmann von Köpenik, war als 17jähriger wegen Fälschung von Postanweisungen zu 12 Jahren verurteilt worden und saß drei Jahre hier in Einzelhaft, länger war Einzelhaft nicht erlaubt. Er hat die Haftbedingungen inMoabit und im Zuchthaus Sonnenburg, in dem er noch schlimmerere Erfahrungen machte, in seinem Buch „Wie ich der H.v.K. wurde“ beschrieben.
Max Hödel wurde im Zellengefängnis 1878 hingerichtet nach einem Attentatsversuch auf Kaiser Wilhelm I. ohne fairen Prozess. Schon früher war das Gefängnis auch Hinrichtungsstätte.

Während der Novemberrevolution wurden am 9. November wieder politische Gefangene befreit. Die Menschenmenge hatte sich teilweise vorher in der Ulanenkaserne bewaffnet. Doch bereits am 8. Januar 1919 besetzte der berüchtigte Oberst Wilhelm Reinhard das Gebäude im Zuge der Niederschlagung des Spartkakus-Aufstands. Verteidiger des Vorwärts-Gebäudes wurden eingeliefert sowie weitere Aufständische, u.a. Georg Ledebour und Karl Radek. Im März 1919 ist das Gefängnis mit 4.500 Gefangenen in 500 Einzelzellen erheblich überbelegt.

In der Nazizeit
unterstanden Teile des Zellengefängnissen nicht mehr für normalen Strafvollzug. Zum Schluss nur noch ein Flügel (A) – nördlichste mit den Zellenhecken. Mitte der 1930er Jahre ist das Gefängnis regelmäßig mit ca. 900 Gefangenen belegt, darunter ca. 500 Untersuchungsgefangene. Ab 1942 werden 120 Plätze im Flügel C Wehrmachtsgefängnis und 60 Plätze in der früheren Irrenabteilung werden der Gestapo unterstellt. Hier saßen u.a. Wolfgang Borchardt 1944 wegen Wehrkraftzersetzung, Ernst Busch 1943 in Gestapohaft sowie schon 1933 Erich Mühsam ein.

Nach dem Attentatsversuch auf Adolf Hitler wurde eine Sonderabteilung 20. Juli 1944 eingerichtet.
Dafür wurden auf Anweisung des Generalstaatsanwalts Dr. Kurt-Walter Hansen 2 ganze Flügel, B und D, mit 250 Plätzen geräumt. 150 Gefangene werden zu Fuß nach Alt-Moabit verlegt. Vier Gestapobeamte, die namentlich bekannt sind, übernehmen die Leitung. Einer von ihnen wird noch im März 1945 als „zu menschlich“ entlassen. Die Namen all dieser Häftlinge kann ich hier nicht alle aufzählen. Es gibt eine ausführliche Dokumentation der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, sowie eine Ausstellung mit kleinem Katalog.

Es gab mehrere Gruppen von Gefangenen, Soldaten, Offiziere und Zivilisten, die den Umsturzversuch unterstützt hatten – auch Sippenhäftlinge und ab Herbst 1944 auch mindestens 25 kommunistische Widerstandskämpfer und auch ausländische Widerständler. Viele wurden während der Haft gefesselt, nur zum Essen wurden die Fesseln abgenommen. Sie durften teilweise nicht lesen, nicht schreiben, strenge Isolation. Die hygienischen Verhältnisse waren katastrophal, Wanzen haben es in mehrere Gedichte geschafft. Geistliche, die selbst gefangen waren, wie der Dominikaner Odilo Braun und Augustin Rösch als Katholiken als auch Hanns Lilje und Eberhard Bethge als Protestanten nahmen sich der Gefangenen an. Viele Häftlinge wurden nach ihrem Todesurteil in Plötzensee hingerichtet. Von insgesamt ca. 350 Häftlingen der Sonderabteilung 20. Juli 1944 überlebten nur 35 die Nazizeit. Im Eingangsbuch des Zellengefängnisses sind von Oktober 1944 bis April 1945 306 Gefangene verzeichnet.

Zum 65. Jahrestag des Kriegsendes 2010 hat die Gedenkstätte Deutscher Widerstand eine Ausstellung erarbeitet, in der insbesondere die Mordaktion Ende April 1945 genau rekonstruiert wurde. In 2 Nächten hintereinander wurden 18 Gefangene ermordet. Seit Februar 1945 hatte das Justizministerium die Regel aufgestellt bei Annäherung feindlicher Truppen harmlose Gefangene zu entlassen, aber es hieß auch:

„Asoziale, politische, Gewohnheitsverbrecher sind der Polizei zur Beseitigung zu überstellen, oder durch Erschießen unschädlich zu machen. Die Spuren der Unschädlichmachung sind sorgfältig zu beseitigen.“

Die sowjetische Offensive auf Berlin begann am 16. April 1945, am 20. April landeten erste Granaten im Zentrum. Die Sonderabteilung wird aufgelöst, die Gefangenen der Justiz übergeben. Am 21. April erhält das Gefängnis einen Artillerietreffer, Gefangene kommen jetzt nachts in den Keller. Am 22. April werden 20 Häftlinge freigelassen. Immer noch sind 9 Todeskandidaten und 50 Häftlinge der Sonderabteilung im Zellengefängnis. Vermutlich wurde bereit am 21. April bei einer Besprechung beim Chef der Gestapo, SS-Gruppenführer Heinrich Müller über Entlassung oder Ermordung entschieden. Die Ermordung der zum Tode verurteilten entscheidet Generalstaatsanwalt Hansen, der zwei von ihnen ausnimmt: Andreas Hermes und Theodor Steltzer. Der Leiter der Mordaktionen in den Nächten vom 22./23. April und 23./24. April ist SS-Sturmbannführer und Kriminalrat Kurt Stawizki. Er ist als besonders brutaler Folterer bekannt und am Massenmord 1942/43 an 160.000 Juden in Lemberg beteiligt gewesen. In der ersten Nacht werden 16 Gefangene in 2 Gruppen unter dem Vorwand der Verlegung auf das ULAP-Gelände südlich der Invalidenstraße geführt und mit Genickschüssen ermordet. Zur ersten Gruppe gehören die zum Tode verurteilten Rüdiger Schleicher, Klaus Bonhoeffer, Friedrich Justus Perels, Hans John, Carl Marks, Hans Sierks und Wilhelm zur Nieden, und Richard Kuenzer, der noch nicht verurteilt war. Zur zweiten Gruppe gehören Albrecht Haushofer, Max Jennewein, Carlos Moll, Ernst Munzinger, Hans Viktor von Salviati, Sergej Sossimov, Wilhelm Staehle und Herbert Kosney. Jennewein, Kosney und Sossimov gehören einer kommunistischen Widerstandgruppe der AEG an.
Als einzigster überlebt Herbert Kosney mit einem Wangendurchschuss. Er führt den Bruder von Albrecht Haushofer zu den Toten. Bei dessen Leiche werden die Moabiter Sonette gefunden. In der zweiten Nacht werden drei weitere Gefangene ermordet, deren Leichen nie gefunden wurden: Ernst Schneppenhorst, Karl Ludwig Freiherr von und zu Guttenberg und Albrecht Graf von Bernstorff.

„Die Lage wurde unter diesen Umständen für die Gefangenen sehr bedrohlich, weil sie befürchten mussten, dass das Reichssicherheitshauptamt versuchen würde, sie noch in den letzten Stunden aus dem Weg zu räumen.“ (Eberhard Bethge, drei Monate nach der Mordaktion)

In der nachgebauten Zelle ist die Klanginstallation Klopfzeichen von Christiane Keppler zu hören mit einigen der im Gefängnis entstandenen Sonette von Albrecht Haushofer. Drei Verse aus dem Sonett „In Fesseln“ sind in großen Buchstaben auf die Gefängniswand aufgetragen: „Von allem Leid, das diesen Bau erfüllt, ist unter Mauerwerk und Eisengittern ein Hauch lebendig, ein geheimes Zittern …“

Das Zellengefängnis nach Kriegsende
Kurze Zeit waren im Gefängnis Soldaten der Roten Armee untergebracht. Bereits im Oktober 1945 wurden die Gebäude wieder von der durch die Alliierten eingesetzten Justizverwaltung als Gefängnis genutzt. Hier wurden sogar noch 12 Menschen hingerichtet zuletzt am 11. Mai 1949 – wenige Tage bevor das Grundgesetz in Kraft trat, das schon im Dezember 1948 mit großer Mehrheit beschlossen worden war, und mit dem die Todesstrafe abgeschafft wurde.
Noch eine kleine Kuriosität zur im Zellengefängnis genutzten Guillotine: sie wurde 1949 eingemottet, zwar gab es in der BRD keine Todesstrafe mehr – in der DDR erst seit 1987, aber nach alliiertem Recht hätten in West-Berlin noch Hinrichtungen stattfinden können. Im Keller des Kriminalgerichts wurde sie gelagert und alle paar Jahre zusammengesetzt, geölt und auf Funktionsfähigkeit geprüft, bis sie 1990 mit der Wiedervereinigung und Aufhebung des Viermächtestatus in Historische Museum wanderte, wo sie auch hingehört!

1955 wurde das Gefängnis geschlossen, der Abriss war 1958 abgeschlossen. Der Grund dafür war die Autobahnplanung der Westtangente, die zum Glück nicht verwirklicht wurde. Hier war ein riesiges Autobahnkreuz vorgesehen (Plan siehe Station 7). Zunächst wurde ein provisorischer Parkplatz für das Poststadion errichtet. 1962 wurde ein Teil des Parkplatzes zum Lagerplatz für das Tiefbauamt. Auch diese Zeitepoche ist an der Gestaltung des Geschichtsparks abzulesen, so wurde altes Pflaster, Bordsteine, Roter Sandstein von der Sanierung der nahen Moltkebrücke oder Teile eines Brunnen vor dem Zoologieschen Garten verwendet. Auch das Sternenlabyrinth von Gabriele Rosskamp und Serge Petit wurde aus den vorhandenen Materialien erbaut. Sie arbeiteten mit Kindern aus der Nachbarschaft. Ein Baum, der viele Jahre in einem Steinhaufen gewachsen ist, hat diese in seine Rinde integriert. Die Wohnhäuser Lehrter Straße 1-4 auf dem Gelände des früheren Verwaltungsflügels entstanden 1970-73 im sozialen Wohnungsbau.

 

Quellen:
Rede Mieroslawskis am 20. März 1848 nach der Befreiung aus dem Zellengefängnis. In: Polenbegeisterung in Deutschland 1848/49. Materialien (online)
Hermann Ortloff: Das Zellengefängnis zu Moabit in Berlin. Perthes, Gotha 1861.
Carl Eduard Schück: Die Einzelhaft und ihre Vollstreckung in Bruchsal und Moabit. Barth, Leipzig 1862 (online).
Gefängniswesen. aus: Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 7. Leipzig, 1907 (online).
Andreas Hoffmann: Zellengefängnis Lehrter Straße 1-5. In: Geschichtslandschaft Berlin, Tiergarten, Bd. 2 Moabit. 1987, S. 311-326.
Albrecht Haushofer: Moabiter Sonette. verschiedene Ausgaben.
Wolfgang Schäche: Das Zellengefängnis Moabit. Zur Geschichte einer preußischen Anstalt. Transit Buchverlag, Berlin 1992, ISBN 3-88747-076-1.
Johannes Tuchel: „…und ihrer aller wartete der Strick“. Das Zellengefängnis Lehrter Straße 3 nach dem 20. Juli 1944. Lukas Verlag, Berlin 2014, ISBN 978-3-86732-178-5.
„Von allem Leid, das diesen Bau erfüllt …“ Die Gestapo-Abteilung des Zellengefängnisses Lehrter Straße 3 nach dem 20. Juli 1944. Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Berlin 2012, ISBN 978-3-926082-51-0 (als pdf, 8,1 MB).
Landschaftsplanerische Voruntersuchung zum Komplex des ehemaligen Zellengefängnisses Moabit im Auftrag der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Dez. 1990, von Glaßer – Doege – Dagenbach und Eckard Wolf, Architekt, Projektkoordination STERN, Beratung Prof. Dr. Wolfgang Schäche und Heinz Tibbe, gruppe planwerk
Weichenstellungen: Geschichte und Zukunft der Lehrter Straße. Herausgeber: S.T.E.R.N. Gesellschaft der behutsamen Stadterneuerung Berlin mbH, Berlin, 1991, Transit Verlag, ISBN 978-3-88747-068-5.
Landesdenkmalamt Berlin, Denkmaldatenbank.
zu Oberst Reinhard, siehe: Gerd Sembritzki, Kaserne 4. Garderegiment zu Fuß. In Geschichtslandschaft Berlin, Tiergarten, Bd. 2 Moabit. 1987 S. 205ff.

 

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