Stadtumbau – historischer Spaziergang am 5.5.2020

Wertheim Haus

1909 wurden die 1887/88 erbauten langgestreckten Werkstattgebäude der Schleicherfabrik mit dem Grundstück Lehrter Straße 35, auf dem seit etwa 1890 erst ein Marmorhandel, dann ein Kohlenhandel seinen Lagerplatz hatte, von der Wertheim-Grundstücksgesellschaft aufgekauft. Die Steinmetzwerkstätten wurden dann zum Teil als Garagen und Reparaturbetriebe für Autos genutzt. In anderen Teilen wurden Fleischkonserven für die Heeresverwaltung produziert. Also ist die Bezeichnung „frühere Heeresfleischerei“ für das Gebäude der Kulturfabrik selbst historisch nicht ganz richtig. Denn die Werkstattgebäude sind jetzt abgerissen. Praktisch war die Nähe zum Viehhof auf dem Grundstück Lehrter Straße 25/26 mit direktem Zugang zur Bahn über Laderampen, wie auch schon vorher der Bahnanschluss die Ansiedlung der steinverarbeitenden Industrie begünstig hatte.

Auf dem Grundstück Lehrter Straße 35 entstand 1911-12 ein Fabrik- und Lagerhaus für die Grundstücksgesellschaft des Wertheimkonzerns. Nach dem Entwurf von Architekt und Maurermeister Ernst Scharnke  wurde das Gebäude vom Baugeschäft Fritz Eike errichtet. Trotz der schmalen repräsentativen Geschäftshausfassade, war es aber kein Geschäftshaus. Zur Architektursprache führt das Landesdenmalamt aus:

„Mit der modernen Werksteinfassade, gegliedert durch vertikale Wandpfeiler und Blenden, sollte der Rang des Kaufhausunternehmens herausgestellt werden. Die drei Fensterachsen werden geschossübergreifend von monumentalen Rundbogenblenden zusammengefasst. Die Wandpfeiler, die Brüstungsfelder mit Reliefschmuck und auch das Balustradenband über dem vierten Geschoss sind typische Elemente der modernen Kaufhaus- und Geschäftshausarchitektur des Architekten Alfred Messel, der mit seinen Entwürfen für Wertheim-Kaufhäuser großen Einfluss ausgeübt hat. Ernst Scharnke, der das Haus entwarf, stellte sich bewusst in diese Tradition.“

Im Erdgeschoss des Wertheim-Hauses befand sich die Großfleischerei und Konservenproduktion, im ersten und zweiten Stock war die Bäckerei und Konditorei des Kaufhausunternehmens untergebracht, die allerdings als eigene GmbHs firmierten, mit jeweils 90% oder mehr Beteiligung von Wertheim. Darüber befanden sich Lager, auch im zweigeschossigen Dach. Im Keller gab es verschiedene Kühlräume. Hof, Durchfahrt und Treppenhäuser sind einheitlich mit kleinformatigen weißen Glasursteinen verkleidet. Dazu schreibt Gerhild Kommander:

„Die weißen Glasursteine im Innern verraten die Funktion: Schlachter verarbeiteten Fleisch zu feinen Häppchen, ArbeiterInnen produzierten Konserven, Bäcker und Konditoren stellten feine Backwaren, Kuchen und Torten für die wohlhabende Gesellschaft her.“

Lehrter Straße 35 – danach

In den 1920er Jahren hatte die „Berliner Confitüren und Cakes-Fabrik“, eine der Wertheim-Firmen, weiterhin hier ihren Sitz. Die Fleischverarbeitung wurde um 1925 in rückwärtige Gebäude verlegt und die Eulith, Chemisch-Pharmazeutische Fabrik GmbH (ebenfalls zum überwiegenden Teil im Besitz von Wertheim, ab 1922 vollständig, wie auch die anderen Unterfirmen), nutzte die Räume. Ab etwa 1930 war auch eine Zweigniederlassung der Ph. Suchard GmbH aus Lörrach ansässig, die 1901 die damals schon lila Marke „Milka“ in die Warenzeichenrolle des Kaiserlichen Patentamtes eingetragen hatten. Der Wertheimkonzern wurde von den Nationalsozialisten 1937 enteignet. Ab etwa 1930 war die Firma Emil Hoffmann für Nährmittel, Sahne-Vertrieb, Margarinewerk in der Lehrter Straße 35 ansässig. Nach dem Zweiten Weltkrieg existierte noch „Hoffmanns Keksfabrik“.

Autobahnplanungen der 1950er und 1960er Jahre bewirkten eine langanhaltende Planungsbefangenheit der Grundstücke auf der Ostseite der Lehrter Straße, die abgerissen werden sollten. Deshalb wurde die Instandhaltung der Häuser vernachlässigt. Nach und nach werden sie ab 1963 vom Bezirk Tiergarten im Auftrag des Senats aufgekauft – die Lehrter Straße 35 im Jahr 1983. Zu diesem Zeitpunkt stand das Gebäude schon zehn Jahre leer, Fenster und Türen im Erdgeschoss waren zugemauert. Ein Brand im Dachstuhl 1986/87 wurde nie repariert. Das änderte sich erst als Untersuchungen zum Sanierungsgebiet beauftragt und Bürgerbeteiligung etabliert wurde. Klara Franke und Anwohnende hatten protestiert und sich in Bürgervereinen organisiert. Die Ausstellung „Weichenstellungen“ zur Geschichte und Zukunft der Lehrter Straße wurde vom 8. März bis 7. April 1991 im Erdgeschoss der Lehrter Straße 35 gezeigt.

Kulturfabrik Moabit

Foto: Kulturfabrik, 2014

Mit dem „Aktionsmonat Mai“ begann 1991 die künstlerische Aneignung des Hauses in nur notdürftigen ausgestatteten Räumen. Nutzungsvereinbarungen wurden getroffen, das Haus ging im Juli in das Treuhandvermögen des SPI, Sozialpädagogisches Institut, über. Kunstschaffende, Anwohnende und Studierende organisierten sich. Der 1991 gegründete Kulturfabrik Lehrter Straße 35 e.V. dient bis heute als Dachverein und vertritt das Haus gegenüber Behörden und der Öffentlichkeit. Die verschiedenen Kultursparten sind in vier kleineren Vereinen organisiert: dem Fabriktheater, dem Filmrauschpalast e.V., dem Slaughterhouse e.V. für Konzerte und Parties. Seit 2007 ist die frühere Hauswerkstatt als 35 Services e.V. organisiert und bietet Workshops und Nachbarschaftshilfe an. Bis 1996 waren in den oberen Etagen Ateliers und Ausstellungsräume, die Kunsthalle Moabit e.V. – dann wurden diese Räume baupolizeilich gesperrt. Auch der Musikveranstaltungsraum im Keller wurde gesperrt. Die Kulturfabrik arbeitet seit Beginn mit der gleichen dezentralen Struktur. Regelmäßig werden die Angelegenheiten im Plenum verhandelt.

Regelmäßig finden Filmvorführungen im Kino und open Air „Umsonst und Draußen“, Konzerte, Theaterproduktionen, Filmworkshops und Nachbarschaftsfeste statt. Das Café ist ab nachmittags geöffnet. Außerdem gibt es mit den „Kufa-Kids“ pädagogische Betreuung für Kinder und Jugendliche aus der Nachbarschaft. Das alles kann aber zur Zeit nicht stattfinden. Eine institutionelle Förderung gibt es nicht, nur einige Projektförderungen. Viele ehrenamtliche Mitarbeitende und einige hauptamtliche, finanziert durch Arbeitsförderungsprogramme halten das Haus seit fas 30 Jahren am Laufen. Die Kulturfabrik ist Mitglied in der Bundesvereinigung soziokulturelle Zentren und im Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband.

Von Anfang an war klar, dass das Haus saniert werden muss. 1996 wurden eingeplante Sanierungsmittel des Senats gestrichen. Auf die Sanierung warten wir nun bereits mehr als 25 Jahre. 2006/7 entwickelte die Kulturfabrik ein Konzept dafür. Im 3.-5. Stockwerk sollte ein Gästehaus als sozialverträglicher Wirtschaftsbetrieb entstehen, der für Individualtouristen, Jugendliche, gastierende Künstler und Seminargruppen ein preisgünstiges Domizil bereit stellt. Eine verbesserte Infrastruktur sowie eine Medienwerkstatt und Übungsräume für Musiker soll Raum für Experimente öffnen. Diese Pläne werden im Prinzip immer noch weiterverfolgt. Der Selbstverwaltungsvertrag wurde schon 2012 unterschrieben. Seitdem verschiebt sich der Beginn der Sanierung von Jahr zu Jahr, weil immer wieder neue Probleme auftauchen. 2018 wurde schon mal ein Bauschild enthüllt.

Quellen:
Weichenstellungen: Geschichte und Zukunft der Lehrter Straße. Herausgeber: S.T.E.R.N. Gesellschaft der behutsamen Stadterneuerung Berlin mbH, Berlin, 1991, Transit Verlag, ISBN 978-3-88747-068-5.
Kulturfabrik Moabit, Geschichte (online)
Landesdenkmalamt, Denkmaldatenbank

 

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