Stadtumbau – historischer Spaziergang am 5.5.2020

Klara Franke

Klaras Lebensdaten zum Wohnen
Die Eltern von Klara, die 1911 in der Borsigstraße (Mitte) geboren wurde, wohnten von 1912 bis 1914 in der Lehrter 54, dann zogen die Eltern in die Fennstraße, da sie dort eine Wohnung mit Außentoilette hatten. Nachdem sich Klaras Mutter 1933/34 auf ihren Wegen von der Wohnung in der Fennstraße zu einer Kapelle in der Kruppstraße in die Butzenscheiben der Lehrter Straße 55 verliebt, erfolgt 1934 der Umzug in die Lehrter Straße 55, im 2. Stock des Vorderhauses. Bis 1989 wohnt Klara in ihrer 220 qm großen Wohnung. Sie feiert ihr 55-jähriges Mieterjubiläum und zieht nach der erfolgten Sanierung des Hauses in eine 55 qm große Parterrewohnung im Seitenflügel, zu der auch eine Terrasse gehört. Die großen Möbel Klaras werden zersägt und so der kleineren Wohnung angepasst. Im Oktober 1995 – rund ein Jahr nach ihrem 60-jährigen Mieterjubiläum – stirbt Klara an einem Herzanfall unter Freunden beim Essen in der Pizzeria „Mediterraneo“.

Die Lehrter Straße 55
Klara beschreibt das Haus wie folgt:

„Damals sah es sehr gut aus. Wir haben – äh – es war ein sehr schönes Haus, es waren da Teppiche und dann vor allen Dingen die erste, die zweite, dritte Etage hatten Butzenscheiben. Ja also war wunderschön und dann waren das ja immer nur zwei Parteien im Vorderhaus.“

Klara Franke erzählte über die Rettung des Hauses bei der Bombardierung im August 1944, die sie in der Lehrter Straße 55 erlebte, als ein loderndes Feuer im Nachbarhaus auf ihr Haus übergreift:

“(…), nachher denn kam der Krieg, ja denn wir saßen ja, unsere Rettung war der gewölbte Keller, nicht wahr. Die hatten ja alle Gewölbe, die ganzen Keller hier wegen den Kellereien, nicht, das war unsere Rettung hier, nicht. Und nach dem Krieg hat es ja doll ausgesehen, immer die Haufen usw. und ach so dann müßte ich höchstens die Geschichte noch sagen, als die nebenan abbrannten die Häuser, die sind ja ‘56 aufgebaut worden hier die Nebenhäuser ja, abbrannten, da stand meine Mutter am am Wasserkran, ja und hat nun den Kran uffgedreht, zugemacht. Ick hab den Eimer runtergenommen bis zur Tür gebracht und dann haben wir ‘ne Wasserkette gemacht, ‘ne Eimerkette gemacht bis nach oben und mein Vater stand dann, ja der war wie sagt man? Der konnte so tief gucken, denn hat der das Wasser immer so lang – und deshalb ist unser Haus nicht abgebrannt, nich. Also da waren so – unten im Keller saßen so 130 Leute, nich wahr. Haben alle gezittert und alle gebibbert und mein Mann war bei der bei der wie nannte man die – früher beim, im Krieg, Luftschutz – mein Vater war auch im Luftschutz – ja nich, und die haben dann mitgemacht. Und dann ein Meister von Osram, olle Otto Kunze, der hatte dann noch einen griechischen Arbeiter, der machte auch mit. Naja meine Göre hat mitgemacht damals, nich, da haben wir dann sozusagen – also das war unser Glück, das – aber mein Vater konnte danach natürlich 9 Wochen nichts sehen, weil er dauernd in die Flammen geguckt hat, nich. Das war unser Erlebnis.“

1959 Beginn des politischen Engagements für die Straße
Als in der Lehrter Straße das Gerichtsgebäude neben dem Poststadion abgerissen werden soll , „(…) aus dem man ein schönes Sportlokal hätte machen können“, beginnt ihr Engagement für den Kiez.

1974 Wohnhäuser statt Kasernen
Klara sammelt unter dem Motto „Wohnhäuser statt Kasernen“ für den Bau der Zille-Siedlung 2000 Unterschriften.

1980er, Kampf gegen Häuserabriss für Polizei-Erweiterung
Klara Franke im Interview:

Also nun möchte ich, wir haben also, das hat so angefangen: Ich hatte zu hören gekriegt, dass hier alles abgerissen wird im Bezirk und es soll ein Polizeipräsidium herkommen, der ganze Komplex von Moabit bis Lehrter-, zur Perleberger Straße, hatte ich von irgendjemanden gehört, ja nich. Und denn haben wir gesagt, das kommt nicht in Frage und denn haben wir, dann habe ich an jeden Senator geschrieben. Na meine Studenten, die bei mir wohnten, ja, meine Eltern waren ja verstorben und dann habe ich dann meine große Wohnung, habe ich dann an Studenten vermietet, nich wahr. Und dann haben die gesagt: „Mensch Klara, schaffste nicht“. Die Geschichte habe ich schon so oft erzählt, habe ich 45 Pfennig für mich ‘ne Kladde gekauft, hab dann nicht schlafen können, weil ich so aufgeregt war. Dann habe ich an jeden Senator extra geschrieben, nich und dann habe ich eine Verwandte gehabt, die war Sekretärin in einer BVV, nich, und die hat mir das alles schön manierlich – und zu der hab ich gesagt und der hab ich das vorgetragen und dann an – da war der Dr. Vogel. Wie lange war der hier bei uns Regierender 4 Monate, nich?

Wie Klara Franke vorging hören wir von ihr selber:
Audio Polizeipräsidium (01:04)

 

Die „gebündelten“ Dragons

Klara über die Dragons, einem Rocker-Club:

(…) Hier oben, hier oben sind meine Jungs. Das sind die Dragons, die haben unten hier – dafür habe ich gesorgt, daß sie ‘n Keller kriegten und haben da ihre ganzen Maschinen, Harley-Maschinen da zu stehen. Und als ich 80 Jahre wurde, da kam er, der Frank und der (andere) mit dem Hund – ja die kamen zu mir, und wollten – haben mir das Bild abgegeben und haben gesagt: „So Oma ‘nu haste uns gebündelt“. Das finde ich so entzückend überhaupt, das ist Berliner Schnauze, ja.
Klara Franke über Foto ihrer Studenten von ihr:
Das sind Studenten gewesen, die bei mir hier oben gewohnt haben und hier haben sie – war ich mal ziemlich wütend auf sie und da haben sie mich fotografiert. „Klara den Finger erhebt, die Lehrter erbebt.“

Klaras Kampf ums Krankenhaus Moabit
1984/85: Klara als ehemalige Betriebsrätin gründet zusammen mit zwei Ärzten und 31 weiteren Leuten das Komitee „Rettet das Krankenhaus Moabit“. Hören wir dazu Klara selbst berichten:
Audio Krankenhaus (02:37)

Klara anlässlich der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes am Bande
Klara wurde 1992 vom damaligen Bezirksbürgermeister Naujokat das vom Bundespräsidenten verliehene Bundesverdienstkreuz für ihre Verdienste sowohl um die Lehrter Straße wie auch zum Kampf um das Krankenhaus Moabit überreicht. Klaras Kommentar: „Jetzt bin ich sprachlos“ und führte anschließend die Politiker durch die Kulturfabrik, wo die Ehrung gefeiert wurde. Später kommentierte sie ihren Verdienst mit den Worten:

„…eigentlich für’s Krankenhaus, aber ick sag mal ick bin die einzige, die für ihre große Klappe das gekriegt hat, ja. Das darf ich ja eigentlich nich sagen, mancher nimmt das ja-, nich, wenn ich dann so höre-, fragen warum ich das dann nicht aufhänge, na da bin ich zu bescheiden, ja. Freu mich dran ja, aber.“

… und in einem Interview erzählt sie dazu
Audio Kiezorden (00:31)

Klara im Kampf um die Bushaltestelle Thusneldaallee
Klara sammelt zusammen mit Gerda Kurzhals und weiteren Mitstreiter*innen der AG Verkehr des Moabiter Ratschlag / Fahrgastbeirat Unterschriften für die Errichtung einer Bushaltestelle nah dem Rathaus Tiergarten. Bei einer BVV-Verkehrsausschusssitzung demonstriert sie mit dem für die Unterschriftensammlung gefertigtem Transparent und macht ihre „Randbemerkungen“ zur Diskussion im Ausschuss.

Ob es bei diesem Anlass war, oder bei einem anderen, erinnere ich nicht mehr, aber legendär ist Klaras Auftreten gegenüber einem Pförtner des Rathauses Tiergarten, der sie nicht hinein lassen wollte und ihr dies mit den Worten „nur über meine Leiche“ verwehren wollte. Klara lief geradewegs am verdutzten Pförtner mit den Worten „So lang kann ich nicht warten!“ vorbei. Die Haltestelle Thusneldaallee (heute Rathaus Tiergarten) wurde 1995 Realität.

Audio Randbemerkungen (00:27)

 

Quellen:
Brauchen wir soziale Vorbilder? Spurensuche im Kiez – Klara Franke und die Lehrter Straße –. Manuela Klemp, Magisterarbeit, TU Berlin – FB 02 Erziehungswissenschaften, SoSe 2000, B-Laden Archiv
B-Laden Archiv

 

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