Stadtumbau – historischer Spaziergang am 5.5.2020

Karte von 1888

Zwischen Lehrter und Rathenower Straße, zwischen Invaliden- und Perleberger Straße lag das größte preußische Militärgelände mit vielen Kasernen, die teilweise noch erhalten sind, mit der Oberfeuerwerkerschule, einem Offizierskasino und in der Mitte einem riesigen Exerzierplatz.
Nach dem verlorenen ersten Weltkrieg musste das Heer verkleinert werden – auf 100.000 Mann. So kam es, dass Mitte der 1920er Jahre das Poststadion gebaut wurde – für vielfältige Sportangebote.

Während der Weimarer Republik wurden in vielen Bereichen reformerische Ansätze, Lösungen für die sozialen Probleme der Stadt ausprobiert. Im Wohnungsbau: statt engen Hinterhöfen wurden große Innenhöfe mit Mietergärten angelegt. Freiflächen und Sportanlagen entstanden, die Volksparkidee wurde umgesetzt. Großen Anteil hatte daran Martin Wagner, der 1926 Stadtbaurat von Berlin wurde.

Mustersportanlage der Weimarer Republik

1926-29 entstand auf einem großen Teil des Exerzierplatzes für das 2. Garde-Ulanen-Regiment eine Mustersportanlage mit Berlins zweitgrößtem Stadion – bis 1936 war es das modernste und größte Stadion Berlins. Der Sportplatzarchitekt, Sportler und Sportfunktionär Georg Demmler plante die Gesamtanlage für den Post-Sportverein als Bauherr auf dem vom Militärfiskus gepachteten Gelände. Dieser Sportverein war erst 1924 gegründet worden und hatte vom Start schon 3.000 Mitglieder. Deshalb der Name Poststadion.

Luftbild vom Bau, 1924

Im Hauptstadion mit Aschenbahn für Leichtathletik, vielen Rängen mit Stehplätzen und dem Tribünengebäude mit 3.000 Sitzplätzen fanden insgesamt bis zu 45.000 Zuschauende Platz. Das Stadion selbst, ohne die umliegenden Bauten, war schon im Mai 1927 nach 18 Monaten Bauzeit fertig. Der Tunnel  zwischen Tribünengebäude und Stadion wurde später allerdings  noch tiefer gelegt.

Zur Gesamtanlage gehörten vier Übungsplätze für Fußball, Handball, Hockey und Gymnastik. Auch das Hallenbad mit Ruderanlage, das Freibad, zehn Tennisplätze mit Tennisstadion und eine Gymnastikhalle gehörten dazu. In den 1930er Jahren fanden auch Windhundrennen statt. Bis zur Eröffnung des Olympiastadions 1936 war das Poststadion die wichtigste Sportstätte in Berlin. 1937 wurde der Balkon des Tribünengebäudes in eine geschlossene Veranda umgebaut.

Wir stehen hier zwischen der noch recht neuen Familiensportfläche und der Kletterhalle des Deutschen Alpenvereins vor einer großen Tafel, auf der herausragende geschichtliche Ereignisse aufgelistet sind, die im Poststadion stattgefunden haben. Man kann diese historischen Informationen auch auf der Webseite finden: www.sportparkpoststadion.de

Im Poststadion fanden nicht nur wichtige überregionale Fußballspiele statt, sondern auch Boxkämpfe. Dann wurden 30.000 Zuschauerplätze auf verbundenen Stuhlreihen im Hauptstadion aufgebaut. Am 7. Juli 1935 besiegte hier Max Schmeling den Basken Paolino Uzcudun nach Punkten. Für so große Veranstaltungen waren damals 34 Kassen geöffnet und 400 Ordner eingesetzt.
Das Poststadion war ein Austragungsort der Olympischen Spiele 1936, hier fand z.B. am 7. August das Deutschland gegen Norwegen statt, das 0:2 endete, vor sage und schreibe 55.000 Zuschauern. Bei Stehplätzen kann man halt mehr quetschen. In der Nazizeit und auch später fanden hier auch politische Veranstaltungen statt, z. B. 1937 der „Vorappell“ der Hitler-Jugend vor dem Reichsparteitag.

Wiederaufbau

Modell zum Wiederaufbau, 1954

Im zweiten Weltkrieg wurde das Poststadion nur gering zerstört und schon im Sommer 1945 konnte der Spielbetrieb wieder aufgenommen werden, wenn auch noch nicht alles wieder aufgebaut war. 1946 fand eine öffentliche Kundgebung der SPD mit Kurt Schumacher als Redner mit sehr vielen Zuhörenden statt. Im B-Laden Archiv existiert ein Foto von 1946, das Jugendliche beim Noteinsatz zeigt. Sie beseitigen Flakstellungen und Barackenreste. Das Tribünengebäude wurde 1950 vereinfacht wiederhergestellt – ohne die expressionistischen Dachspitzen. Im September 1950 wird das Hallenbad wiedereröffnet (eine andere Quelle nennt sogar schon den 19. August 1945). Nach dem zweiten Weltkrieg werden große Anstrengungen unternommen Sport-, Kultur- und Bildungsveranstaltungen wieder zu ermöglichen. Mit viel Arbeitseinsatz wird wieder aufgebaut. In unserer Zeit ist es schwieriger die öffentlichen Mittel für Unterhaltung und Wiederherstellung aufzutreiben.

In den 1950er Jahren finden im Poststadion wieder überregionale Fußballspiele statt. Auf dem Rest­ des Exerzierplatzes werden zwei Trümmerberge errichtet und 1949-1955 nach Entwürfen des Tiergartener Gartenbaudirektors Willy Alverdes der Fritz-Schloß-Park angelegt.
1952 wird auch das Sommerbad wieder eröffnet. Die Hochplätze (4) entstehen 1953, ebenso wie das neue Tennisstadion (7). Auf der Zeitleiste der Webseite des Sportpark Poststadion zur Fertigstellung des Tennisstadions ist sehr aufschlussreich: im Hintergrund ist die Rodelbahn im Fritz-Schloß-Park zu sehen, der ganze Hügel noch ohne Bäume. 1955 wird die Rollsportanlage mit Tribüne (5) eingeweiht.

Niedergang

Noch Anfang der 1970er Jahre finden im Poststadion wichtige Fußballspiele statt, danach geht es bergab mit der Sportanlage. Axel Lange, der 1969 als Torwart nach Berlin zu Tennis Borussia gekommen war und 1972 nach Hamburg zum 1. FC St. Pauli wechselte, erinnert sich:

Foto: Sigurd Wendland, 1986

„Wir reisten auch nicht komfortabel im Mannschafts-Bus geschlossen an, sondern die Spieler erschienen mit Bus oder eigenem PKW am Poststadion. […] Aus dem Poststadion sind mir folgende Umstände lebhaft in der Erinnerung: Die Umkleidekabinen waren spartanisch eingerichtet, die Duschen erweckten den Eindruck, als würden sie noch aus der Vorkriegszeit stammen – an heutigen Maßstäben gemessen waren die Umstände, unter denen sich die Spieler umkleiden und nach dem Spiel duschen konnten, recht eingeschränkt, wenn nicht primitiv. Immerhin wies das Poststadion aber folgenden Standard auf. Um auf das Spielfeld zu kommen, ging es nicht einfach über die Laufbahn, sondern das Spielfeld erreichte man vom Tribünengebäude aus durch einen uns damals beeindruckenden Tunnel, der gleich beim Bau des Stadions mit entstanden war. Das Poststadion hatte aber auch mi dem angrenzenden Frauengefängnis an der Lehrter Straße eine ganz besondere Zuschauerkulisse. Im Sommer saßen die weiblichen Gefangenen in den Fenstern ihrer Zellen und ließen zwischen den Gittern ihre Beine heraushängen. Das war eine doch recht auffallende und nicht alltägliche Begleiterscheinung unserer Fußballspiele.“

Das Hallenbad schließt 1984, als das neue Hallenbad an der Seydlitzstraße eröffnet, doch bis zum Umbau dauert es noch zehn Jahre. 1990 wird das Stadion, die Kassenhäuschen im Eingangsbereich sowie das Gebäude mit Hallenbad und Ruderhalle unter Denkmalschutz gestellt als bauliches Zeugnis der modernen Sport- und Gesundheitspolitik der Weimarer Republik mit ihrer Förderung von Körperkultur und Breitensport. Eigentlich sollte es dann auch gleich mit der Sanierung losgehen, aber bedingt durch die „Wende“ müssen jetzt Sanierungsgelder vorrangig im Osten der Stadt eingesetzt werden. Das geschlossene Hallenbad wird erst 1992-94 in eine Turnhalle umgebaut. Danach dauert es wieder fast zehn Jahre bis es mit der Sanierung weitergeht. Und Moabit verliert auch sein Freibad. 2002 wird das Sommerbad geschlossen und von 2006 bis 2011 als Campingplatz „Tentstation“ zwischengenutzt – im Mai 2012 kann nur noch die Abschiedsparty stattfinden, dann startet der Bau des privaten Wellnesstempel „Vabali Spa“, das 2014 eröffnet.

Sanierung

2003 beginnen die Sanierungsarbeiten am Tribünengebäude, das denkmalgerecht wieder hergestellt wird – die hellgrüne Farbgebung, die Wiederherstellung des offenen Balkons, von Kasino und den expressionistischen Zacken. Die Stiftung Denkmalschutz Berlin unterstützt das Vorhaben,  die Dr.-Thiede-Stiftung arbeitet mit, indem sie Jugendliche in der Berufsbildung einsetzt. An der Erneuerung der Sportananlagen im Poststadion wird kontinuierlich gearbeitet. Seit 2006 wird neben Investitionsmitteln auch Fördermittel aus dem Programm Stadtumbau West eingesetzt für Fritz-Schloß-Park und Poststadion. Zu Beginn dieser Phase finden umfangreiche Beteiligungsveranstaltungen statt. Auf unserer Webseite unter Planungen sind viele dieser Dokumente herunterzuladen. Aber im Gegensatz zur Situation nach dem zweiten Weltkrieg ziehen sich die Arbeiten über Jahre hin und sind immer noch nicht abgeschlossen. Obwohl schon vieles erreicht werden konnte und die Modernisierung weit voran geschritten ist, gibt es immer wieder Verzögerungen.

2009 werden erste Neubaumaßnahmen fertiggestellt. Zwei neue Kunstrasenplätze entstehen, wobei viele Anwohnende bedauern, dass die öffentlich zugängliche Aschenbahn und der Rasenplatz verloren geht. Das neu errichtete Dach über der Rollschuhbahn wird im gleichen Jahr gebaut und auch die Rundlaufstrecke im Fritz-Schloß-Park wird eröffnet.

Sah es zunächst so aus, als ob die Belange des Fußball weiterhin dominieren, werden im weiteren Verlauf auch neue Sportangebote für den nicht vereinsgebundenen Sport aufgebaut, was zur Modernisierung und Vielfältigkeit der Sportangebote beiträgt. 2013 eröffnet die Kletterhalle des Deutschen Alpenvereins, 2014 wird der Familiensportplatz vor der Ruderhalle fertiggestellt. Auf Vorschläge zu Trendsportarten geht das Sportamt ein. Die Anlage für Calisthenics oder Street Workout (Kraftsport) entsteht 2015 und wird später erweitert. Zuletzt eröffnet 2018 der neue Skatepark.

In einer Sackgasse landete der Versuch mit einem Betreiberkonzept Verantwortung aus dem Bezirksamt zu verlagern. Jedoch konnten auch viele Anregungen aus diesen Runden positiv umgesetzt werden. Aber aus der 2003 angekündigten Nutzung des Tribünengebäudes als sozialer Treffpunkt für den Kiez ist bis jetzt noch nichts geworden. Für 2 Jahre ist jetzt das Hallenbad geschlossen und wird saniert und auch ein Außenbecken – seit der Schließung des Sommerbades 2002 von vielen Moabiterinnen und Moabitern vehement gefordert – wird in der kleinen Restfläche von Liegewiese hinter dem Hallenbad verwirklicht werden.

Quellen:
Weichenstellungen: Geschichte und Zukunft der Lehrter Straße. Herausgeber: S.T.E.R.N. Gesellschaft der behutsamen Stadterneuerung Berlin mbH, Berlin, 1991, Transit Verlag, ISBN: 978-3-88747-068-5.
Das Poststadion in Moabit. Baudenkmal – Sportstätte – Kieztreff, Redaktion Helmut Engel, Stiftung Denkmalschutz Berlin, Heft 5, Berlin 2003 mit Beiträgen von Ralf Nitschke, Axel Lange, Helmut Engel, Guido Schmitz, Dorothee Dubrau, Lothar de Maizière, Thomas Nolte, Jörg Thiede.
Über Georg Demmler: https://www.kreuzberger-chronik.de/chroniken/2006/juli/literatur.html, gekürzt aus: Fußlümmelei- Als Fußball noch ein Spiel war, Michael Broschkowski und Thomas Schneider, Transit Verlag, Berlin, 2005.
Landesdenkmalamt, Eintrag in der Denkmaldatenbank.
Sigurd Wendland: Moabit. Licht und Schatten, Ex Pose Verlag, Berlin, 1986, ISBN: 3-925935-02-9.
Archiv B-Laden

 

 < Startpunkt  >