Stadtumbau – historischer Spaziergang am 5.5.2020

Wir sind jetzt an der Ecke Kruppstraße angekommen und gehen durch ein großes Tor in das Eckgrundstück. Hier in der Lehrter Straße 57-58 und Kruppstraße 17-18 wurde 1896-98 das Königliche Corps-Bekleidungsamt zu Berlin errichtet. Nach Bombentreffern im zweiten Weltkrieg sind nur noch Teile der Gesamtanlage erhalten.

Framilienwohnhaus Kruppstraße 17/18

Die Zweckbauten für die Berliner Garnison mussten Versorgungsaufgaben der Militärverwaltung erfüllen. Sie wurden nach Plänen von Architekten und Baubeamten des Garnisonbauamts Berlin II errichtet: Tischmeyer, Feuerstein und Zeidler. Für die Bauausführung  zeichnete der Architekt und Maurermeister Georg Leuschner verantwortlich. Das Heeresbekleidungsamt bestand aus Werkstätten mit Maschinenbetrieb für Schneider und Schuster, einem Wohn- und Verwaltungsgebäude und einer Kaserne für die Handwerker. Erhalten sind das Familienwohnhaus Kruppstraße 17-18, das Kleiderlager und die Schneiderei. 1902-03 wurde im hinteren Grundstücksbereich das Kammergebäude für die ost-asiatische Besatzungs-Brigade errichtet.

Zum Baustil schreibt das Landesdenkmalamt:

„Die unverputzten Backsteingebäude, auch die Einfriedung mit Pfeilerportalen und einem Pförtnerhäuschen, sind im Stil der norddeutschen Renaissance gestaltet, wie man an den geschwungenen, mit Voluten geschmückten Giebeln und den hellen Sandsteinblöcken, die an den Gebäudeecken und an den Fenstergewänden in die roten Backsteinflächen eingelassen sind, sehen kann. Das am besten erhaltene Familienwohnhaus prägt mit seiner pittoresken Erscheinung den östlichen Abschnitt der Kruppstraße.“

Im 2. Weltkrieg fielen drei Gebäude auf dem Areal den Bomben zum Opfer. An deren Stelle durfte wieder neu gebaut werden. Auch noch nach dem 2. Weltkrieg wurde hier geschneidert. In einer Publikation des Bezirksamts Tiergarten aus den 60er Jahren habe ich eine Werbeanzeige gefunden von Geschw. Wittmann oHG, die dort produzierte und in Wilmersdorf verkaufte. Geworben wurde für „Jugendliche Frauenkleider mit guter Passform durch modernste Fertigungsmethoden“ – außerdem der Hinweis „laufend Neueinstellungen“.

Auf dem Nachbargrundstück, Kruppstraße 16, war ein Artillerieschup­pen, der Geschützschuppen der 6. Batterie des 1. Garde-Feldartillerieregiments. Heute umgebaut zum Wohnen und als Werkstatt für Handwerker. Hier sind die Arbeitsräume des Metallkünstlers Anderl Kammermeier. Hier fanden 13 Jahre lang (bis 2017) wunderbare Kulturveranstaltungen statt im Offenen Garten von Anderl Kammermeier und seiner Frau, der Theaterpädagogin Brigitte Stockmann.

In den 1970er und 1980er Jahren konnten die Räume wegen der primitiven Ausstattung nur schwer vermietet werden. Nach und nach zogen Künstler und Handwerker ein. Die Mieten der Lagerräume ohne Elektrizität waren günstig. Die Nutzer mussten alle notwendigen Installationen selbst einbauen. Sie investierten eine Menge Geld, trotz kurzfristiger Verträge mit dreimonatiger Kündigung. An der Ecke befand sich lange Zeit ein Außengelände, auf dem in jahrelanger Arbeit ein Schiff gebaut wurde, das heute immer noch auf den Weltmeeren unterwegs sein soll, wie ein Beteiligter erst kürzlich versicherte.

Als ehemaliges Militärgelände gehörten die Grundstücke nicht dem Land Berlin, sondern dem Bund und wurden von der Ober­finanzdirektion vermietet und später verkauft. Der Artillerieschuppen soll noch relativ preis­wert gewesen sein. Wegen der unsicheren Mietsituation, steigender Mieten und Verkaufsgerüchten taten sich die in den Gebäuden des Heeresbekleidungsamtes arbeitenden Architekten, Künstler und Handwerker 1993 zusammen: der Verein Werkhof Lehrter Straße 57. Als das Grundstück im Jahr 2000 tatsächlich zum Verkauf ausgeschrieben war, wurden sie überboten. Um in das Höchstgebot einsteigen zu können, mussten sie einen Investor beteiligen: Düttmann & Stoye. Das Höchstpreisverfahren wurde von vielen Seiten kritisiert, denn der spekulative Preis führte dazu, dass die ursprüngliche Nutzungsmischung nicht mehr zu halten war.  Nicht alle Gewerbetreibenden, die früher im Werkhof arbeiteten, konnten es leisten die eigenen Räume zu kaufen oder höhere Mieten zu zahlen. Die AREA von Düttmann & Stoye plante an dieser Ecke 2001 ein viel höheres Atelier­gebäude, Loftwohnungen und ein Hotel mit 50 Betten. Außerdem übernahm sie eines der Bestandhäuser. Diese Planungen für die drei noch nicht wieder bebauten Grundstücke wurden nicht verwirklicht, denn die Investoren gingen Pleite, eine Bank übernahm die Grundstücke. Freunde oder Bekannte der verbliebenen Eigentümer kauften sie in der Zwangsver­stei­gerung auf.

Katharina Grosse, Ausstellung „shadowbox“, 2009, Foto: Jürgen Schwenzel

Der erste Neubau war 2008 das Ateliergebäude der Künstlerin Katharina Grosse, gebaut nach Plänen der Architekten Augustin und Frank aus Kreuzberg. Wie das bei moderner Architektur so üblich ist, gibt es vehemente Liebhaber und ebensolche Kritiker, die den Betonbau mit unregelmäßig angeordneten Fenstern „Bunker“ nennen. Die Höhe des Gebäudes ist dem Denkmalschutz geschuldet, der ein Ausfüllen der Kubatur des früher dort stehenden Hauses gefordert hat.

Die beiden anderen neuen Gebäude sind aus dem in der Lehrter Straße 57 ansässigen Architekturbüro SauerbruchHutton – entworfen für Baugruppen. 2014 wurde der Neubau an der Lehrter Straße fertiggestellt. Die alten Kastanien blieben erhalten und das Gebäude sieht äußerlich sehr zurückhaltend aus. Hier sind Gewerberäume und Wohnungen entstanden. Besonders auffällig ist jedoch die sogenannte Blechkiste an der Kruppstraße, die 2018 fertiggestellt wurde. Für diesen Bau wurden mehrere alte Bäume gefällt und ob es wirklich ein „unsichtbares“ Haus ist, weil sich die Umgebung spiegelt, sei mal dahingestellt.
Die meisten Bestandsgebäude wurden zwischenzeitlich aufgestockt bis auf das hinten liegende Wohngebäude, eine Baugenehmigung gibt es dafür aber schon.

Quellen:
Landesdenkmalamt, Denkmaldatenbank
B-Laden Archiv

 

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