Stadtumbau – historischer Spaziergang am 5.5.2020

Eisenbahngeschichte

Die Berliner Eisenbahnen 1851, Quelle: Berlin und seine Eisenbahnen. 1846-1896, Wikimedia Commons

„Berlin hat die Lehrter Straße nie losgelassen“ gilt u. a. auch für das Thema Eisenbahn. Um das damalige Berlin herum entstanden Kopfbahnhöfe, die von Privatbahnen angefahren wurden. Der Hamburger Bahnhof wurde als Endbahnhof der Berlin-Hamburger Eisenbahngesellschaft im Dezember 1846 in Betrieb genommen. Nach der Verstaatlichung der Berlin-Hamburger Eisenbahn genügte er nicht mehr dem gewachsenen Verkehrsaufkommen, sodass er 1885 geschlossen wurde.

Der Lehrter Bahnhof 1910, Quelle: Wikimedia Commons

Denn in direkter Nachbarschaft war mit dem 1869 eröffneten Lehrter Bahnhof ein neuer Kopfbahnhof als Ausgangspunkt der von der Magdeburg-Halberstädter Eisenbahngesellschaft 1868-1871 erbauten Lehrter Bahn entstanden, die Hannover über Lehrte mit Berlin verband. Der Ort Lehrte war der erste Eisenbahnkreuzungspunkt auf hannoverschem Gebiet.

Im Norden Moabits ging 1871 der Bahnhof Moabit als Teil der Berliner Ringbahn zunächst nur für Güterverkehr, ab 1872 auch als Personenbahnhof Richtung Osten in Betrieb, 1877 wurde der Betrieb Richtung Westen aufgenommen. 1889 wurde der Personenverkehr dort eingestellt, weil die Parallelführung von Personen- und Güterverkehr einen betrieblichen Engpass darstellte.
Spätere Eisenbahn-Planungen
1899 erhielt Gustav Schimpff den 1896 ausgeschriebenen Schinkelpreis für seine Ausarbeitung einer Nord-Süd-Bahn. Sie sollte von den Ringbahnhöfen Putlitzstraße bzw. Wedding über mehrere neue Bahnhöfe – einer davon am Nordhafen – über Leipziger und Potsdamer Platz weiter nach Schöneberg führen. Die Gewinnerentwürfe (u. a. Hermann Jansen) des Wettbewerbs „Groß Berlin 1910“ sahen einen Zentralbahnhof an Stelle des Lehrter Bahnhofs vor. Der Schweizer Architekt Martin Mächler entwickelte darauf aufbauend 1918-1920 eine Planung für eine unterirdische Nord-Süd-Achse zwischen Potsdamer und Anhalter Bahn und dem Lehrter Bahnhof mit einem Kreuzungsbahnhof im Bereich des Lehrter Bahnhofs. Die im Nationalsozialismus von Albert Speer im Auftrag Hitlers erstellte „Germania“-Planung (1936 inoffiziell begonnen, 1937 als Generalbauinspektor) hätte die Lehrter Straße massiv betroffen, was die Ausschnitte für den Bereich zwischen der „Großen Halle“ im Süden (heute Regierung) und dem geplanten „Nordbahnhof“ (Nordring) im Modell von 1939 zeigen. Beiderseits des zwischen Nordbahnhof und „Großer Halle“ geplanten ca. 1.000 Meter langen und 400 Meter breiten Wasserbeckens parallel zur Lehrter Straße sollten Gebäude für Regierung (z. B. Oberkommando Kriegsmarine Ostseite) und Berliner Verwaltung (Berliner Rathaus, Westseite) bis hin zur Lehrter Straße entstehen. Der gesamte Bereich zwischen Lehrter und Rathenower Straße – einschließlich des 1924 errichteten Poststadions sollte zu einem Militärkomplex mit riesengroßen Wehrmachtsgebäuden mitsamt einer Sportanlage fürs Militär mittendrin werden. Im „Germania“-Konzept Speers stand Architektur an erster Stelle, an zweiter der Verkehr, an dritter der Betrieb (Prof. Ural Kalender, TU Berlin).

Wohnhäuser für Eisenbahner Lehrter Straße 6-10

Der Auschnitt aus dem „Urmesstischblatt Berlin Nord um 1840“ (aber schon mit Hamburger Bahnhof) zeigt, dass die Turmstraße seinerzeit bis zur Heidestraße führte, Quelle: Wikimedia Commons

Die Wohnanlage, vor der wir hier stehen, wurde parallel zum Bau der Lehrter Bahn von der Magdeburger-Halberstädter-Bahn für deren Eisenbahner Familien in drei Bauabschnitten von 1871-1873 errichtet. Sie wurde mit der Frontseite zur Querstraße der Lehrter Straße angelegt – der Turmstraße, die nunmehr an der Lehrter Bahn endete. Vor dem Bau der Lehrter Bahn führte die Turmstraße bis zur Heidestraße, zu der Zeit gab es noch nicht den erst später angelegten Exerzierplatz. Der geschlossene Block der Wohnanlage hob viele Nachteile der langen schmalen Grundstücke, die im weiteren Verlauf der Lehrter Straße gebaut wurden, auf. Von der Eisenbahngesellschaft angestellte Baubeamte entwarfen die Wohnhausanlage, die ersten beiden Abschnitte Abteilungsbaumeister Brisgen, den dritten Baudirektor Stute, die Ausführung erfolgte unter Maurermeister Lauenburg. Rote und gelbe Ziegel, sparsam dekoriert in einem nüchternen Backsteinstil, wie in Preußen üblich für öffentliche Gebäude, kennzeichnen die unter Denkmalschutz stehende Wohnanlage.

Die Frontseite des Wohnblocks Lehrter Straße 6-10 liegt an der ab dem Bauzeitpunkt noch bis zur Lehrter Bahn führenden Turmstraße

Die Wohnungsgrundrisse waren individuell verschieden, nicht sehr groß und bescheiden ausgestattet, jedoch besser als sonst übliche Arbeiterwohnquartiere dieser Zeit. Jede Familie hatte mindestens eine beheizbare Stube und Küche. Die Wohnungen wurden sowohl von Bahnbeamten als auch von Bahnarbeitern bezogen. Laut Adressbuch 1881 wohnten hier 94 Bedienstete der Eisenbahn mit ihren Familien.

Nach Verstaatlichung der Eisenbahngesellschaften (Hamburger und Lehrter) 1891 wurden turmartige Vorbauten in den Treppenachsen (halbe Treppe) für Podesttoiletten errichtet. Vorher gab es die Hoflatrinen. Bäder oder Innentoiletten waren nicht vorhanden.

1990 schrieb S.T.E.R.N. noch von „rußgeschwärzten Ziegelbauten, die einen baumlosen mit Müllcontainern vollgestellten trostlosen Hof umgeben“.

1996/97 wurde die Wohnanlage, die an die Degewo gegangen war, saniert.

 

Quellen:
Berlin und seine Eisenbahnen. 1846-1896. Bde 1 und 2, Hrsg. im Auftrag des Königlich-preußischen Ministers für Öffentliche Arbeiten. [dem Verein Deutscher Eisenbahnverwaltungen zur Feier seines Fünfzigjährigen Bestehens am 28. Juli 1896 überreicht], Berlin: Springer, 1896Weichenstellungen: Geschichte und Zukunft der Lehrter Straße. Herausgeber: S.T.E.R.N. Gesellschaft der behutsamen Stadterneuerung Berlin mbH, Berlin, 1991, Transit Verlag, ISBN: 978-3-88747-068-5.
Denkmale in Berlin: Bezirk Mitte: Ortsteile Moabit, Hansaviertel und Tiergarten. Tomisch, Jürgen, Landesdenkmalamt Berlin (Hrsg.), Petersberg, 2005, Verlag M. Imhof, ISBN: 978-3-86568-035-8
Wikipedia, Lehrter Bahnhof Berlin
Wikimedia Commons, UrmesstischblattBerlin (Nord)“ um 1840 (Messtischblatt-Nr. 3446)
Landesdenkmalamt Berlin,
Denkmaldatenbank Mietshausgruppe Lehrter Straße 6 & 7 & 8 & 9 & 10

 

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