Stadtumbau – historischer Spaziergang am 5.5.2020

Die Neubauten Lehrter Straße Nord, im sogenannten Block 44, wurden 1994-96 gebaut.

Hier war die Altbausubstanz besonders schlecht. Es gab sehr enge und zahlreiche Hinterhöfe bedingt durch die tiefen Grundstücke. Und hier hatten die Häuser auch ganz besonders gelitten, teilweise gab es noch lange Kriegsschäden, teilweise Vernachlässigung, denn die Häuser wurden auf Abriss bewirtschaftet, weil die ganze Ostseite der Lehrter Straße wegen der Autobahnplanung für die Westtangente abgerissen werden sollte.

Foto: H. P. Stiebing/Zenit, Zitty, 1988

Im B-Laden Archiv gibt es eine Reihe Fotos, die bei einer Begehung im Jahr 1986 mit dem damaligen Stadtplanungsamt Tiergarten aufgenommen wurden, z. B. von überfluteten Kellern, völlig maroden Treppenhäusern und notdürftig geflickten Eingangstüren. Ofenheizung und einfrierende Wasserleitungen bei Minusgraden inklusive. Die Ecken zur Perleberger Straße war schon lange vorher abgeräumt, ein Autohändler nutzte das Gelände, gegenüber stand eine Autowaschanlage, Sandberge dienten als inoffizieller Abenteuerspielplatz. 1988 beschrieb Eberhard Seidel in der Zitty unter dem Titel „Moabiter Spaziergänge“ die Situation „im berüchtigsten Slum Tiergartens“.

Der Neubau Lehrter Straße Nord und die Umgestaltung der Straße, die Verengung der Fahrbahn mit einem Park- und einem Grünstreifen waren wichtige Maßnahmen zur Verbesserung der Situation.

Es war eine der größeren Baumaßnahmen – nach Untersuchung zum Sanierungsgebiet, was die Lehrter ja nie wurde. Auch die Altbauten wurden saniert. Bis Mitte der 1990er Jahre wurde die Sanierung noch mit öffentlichen Mitteln gefördert, es gab Mieterberatung durch die ASUM, Umsetzwohnungen und Hilfen. Und die Mieten blieben begrenzt.

Für den Neubau fanden insgesamt sechs öffentliche Runden mit Bürger*innen, Planern und dem SPI statt um den Wettbewerb vorzubereiten und die Ziele festzulegen, ab Dezember 1990 im Rahmen der Ausstellung „Weichenstellungen“. Ein großes Modell der Straße war im EG der Kulturfabrik aufgestellt.

1992 wurde der „Städtebauliche Ideen- und Realisierungswettbewerbs Nördliche Lehrter Straße“ durchgeführt. Auch das leere Grundstück des ehemaligen Autohändlers auf der gegenüberliegenden Straßenseite Ecke Perleberger Straße gehörte zum Gebiet. Ziel war der Bau von Wohnungen im öffentlich geförderten sozialen Wohnungsbau mit unterschiedlichen Wohnungstypen für große und kleine Familien, Wohngemeinschaften, Künstler und Alleinstehende mit Kindern. 10 % der Wohnungen sollten behindertengerecht geplant werden, außerdem eine Wohnung für eine psychosoziale Wohngemeinschaft älterer Menschen entstehen.

Erstmalig in Berlin hatte eine Person (und Stellvertreter*in) aus dem Betroffenenrat Stimmrecht bei einem Wettbewerbsverfahren. Der Betroffenenrat Lehrter Straße bewertete das Verfahren als „weitgehend gelungen“, weil es für die betroffenen Bürger verständlich gemacht werden konnte. Allerdings wurde der hohe zeitliche Aufwand kritisiert, und dass die Veranstaltungen „allmählich als stundenlange akademische Vorlesungen aus der Form gerieten.“ Die meisten der Preisrichter zeigten Bereitschaft, die Wünsche der Bevölkerung zu berücksichtigen. Schwieriger war es mit den Architekten. Hier musste der Betroffenenrat manche Positionen durch „massives Auftreten“ vertreten, obwohl diese Punkte in der Wettbewerbsaufgabe eigentlich schon eindeutig vorgegeben waren.

Modell Entwurf Pampe, Foto: W. Willi Engel

Im September 1991, einen Abend vor der Jurysitzung, wurden die Entwürfe anonym öffentlich vorgestellt und diskutiert. Sehr viele Bewohner und Bewohnerinnen der Lehrter Straße haben sich eingebracht.

Es wurde heftig diskutiert und der halb öffentliche Hof war ein wichtiger Grund, weshalb sich die meisten Anwohner*innen für den städtebaulichen Entwurf von Jörg Pampe aussprachen. Sie wollten keine abgeschlossenen und unzugänglichen Blöcke.

Nachher ist nicht alles so gekommen, wie viele es sich gewünscht hätten. Probleme in einigen Berliner Sozialbaugebieten machten Schlagzeilen.

Der Tagesspiegel titelte 1998 „Niedergang einer einst hochgelobten Wohnanlage“ gegen dessen tendenziöse Stimmungsmache der Betroffenenrat Lehrter Straße protestierte. Der „Blickwinkel“ nahm die Berichte in den Medien als Anlass für einen Artikel „Entstehen in Berlin Slums? Es kommt auf die richtige Mischung an“ mit Schilderung der Situation Sozialwohnungen in Lehrter Straße und Zille-Siedlung. Lange Zeit mussten Mieter der Neubauten in der Lehrter Straße noch auf einer Baustelle leben, obwohl alle Wohnungen schon vermietet waren. Die Reparatur eines durch Brand im November 1997 beschädigten Aufzugs in der Lehrter Straße 39 dauerte ein dreiviertel Jahr. Die Mieter*innen mussten auch mit Kinderwagen über eine schmale Treppe bis hoch in den 6. Stock steigen. Nicht alle Grundrisse sind praktisch, es gibt nicht nutzbare Ecken. Auch kamen damals nicht alle Mieter*innen mit offenen Küchen in Maisonettewohnungen zurecht, teilweise konnten sie die Wohnungen vorher nicht besichtigen. Vermüllung, Verantwortungslosigkeit und Zerstörungswut hinterließen Spuren. Aber auch hohe Betriebskostenabrechnungen, schleppende Mängelbeseitigung und Baufehler. 2001 berichtete die Berliner Morgenpost unter dem Titel „Rutschbahn im fünften Stock“ über Eis und nicht abfließendes Wasser auf einem Laubengang. Die meisten Klagen betrafen die GEHAG.

Die Häuser Lehrter Straße 36 bis 38 gehören zum Bestand der GSE / SPI als Treuhänder Berlins, die Gebäude Lehrter Straße 41 bis 42 zum Bestand der EVM Berlin eG (Erbbauverein Moabit). Einer der wichtigsten, weil größten Eigentümer der anderen ehemals landeseigenen Grundstücke, die GEHAG, wurde in zwei Schritten ab 1998 vom Land Berlin privatisiert. Heute gehört die Lehrter Straße 39 bis 40 der „Deutsche Wohnen“. Nach der Privatisierung 1998 sei die GEHAG „(…) nur noch nach den Geschäftsrichtlinien der jeweiligen Heuschrecken geleitet“ worden, kritisiert der im März 2017 im Alter von 105 Jahren verstorbene frühere GEHAG-Chef (1951-1978) Karl-Heinz Peters in seinem 2016 erschienen Buch „Von der Gemeinnützigkeit zum Profit“. Der Untergang der GEHAG begann laut Peters in den 1980er Jahren, „(…) als das Land Berlin die Aktienmehrheit an der GEHAG erwarb und diese zum Spielball der landes- und parteipolitischen Interessen wurde.“

Dazu kam ab 1999 starker Baulärm, Staub und Erschütterungen durch den Bau der Bahntrasse und Neubau der Perleberger Brücke. Der Betroffenenrat Lehrter Straße unterstütze die Mieter*innen mit Formschreiben und Beratung bei ihren Versuchen Mietminderung zu erlangen. Zuvor hatte es gerichtliche Auseinandersetzungen gegeben. GEHAG und EVM hatten gegen den Planfeststellungsbeschluss geklagt insbesondere um die in sechs Meter Entfernung an den Gebäuden vorbeiführenden ICE-Gleise, während die Deutsche Bahn AG gegen den Bebauungsplan des Bezirksamts Tiergarten klagte. Die Auseinandersetzung ging bis vor das Bundesverwaltungsgericht. 1996 wurde der Streit, nachdem die Bahn noch zwei Monate vorher abgelehnt hatte, mit einem Vergleich vor dem Bundesverwaltungsgerichts beigelegt. Die Gleise wurden tiefer gelegt als ursprünglich geplant. Für die Mehrkosten zahlten Land Berlin und Wohnungsbaugesellschaften einen festen Betrag, weitere Kosten hatte die Bahn zu tragen. Zusätzlicher Lärm- und Erschütterungsschutz für die Mieter*innen war dabei aber „hintenrunter“ gefallen.

Es gab immer wieder Gesprächsrunden beim Betroffenenrat Lehrter Straße und viele Vorschläge um die  Zufriedenheit von Mieter*innen zu erhöhen und Vandalismus zu verhindern, die Ergebnisse wurden bei einem Runder Tisch „Wohnen an der nördlichen Lehrter Straße“vorgestellt. Das Projekt war organisiert von kubus an der TU Berlin in 2002/03.

Quellen:
B-Laden Archiv

 

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